|
Mathematische Kompetenzen gehören wie die Kompetenzen im Lesen und Schreiben zu den Grundvoraussetzungen für erfolgreiche Tätigkeiten in vielen Berufs-, Wirtschafts- und Kulturbereichen. Entsprechend hat die Schule den Auftrag, allen Schülerinnen und Schülern eine adäquate mathematische Grundbildung zu vermitteln. In den vergangenen zehn Jahren wurde im Rahmen der PISA-Studien allerdings wiederholt aufgezeigt, dass dies bei etwa 20 % der 15-Jährigen nicht gelingt und diese somit unzureichend auf eine weitere schulische oder berufliche Ausbildung vorbereitet sind.
Das Projekt "Mathe macht stark" widmet sich genau dieser Zielgruppe, indem bereits frühzeitig in den Jahrgangsstufen 5-7 ein Förderangebot zum Erwerb anschlussfähiger Kompetenzen bereitgestellt wird. Basis dafür ist speziell entwickeltes Lernmaterial, mit dem elementare mathematische Konzepte auf verschiedenen Niveaus und in verschiedenen Repräsentationsformen zielgerichtet erarbeitet werden können. Das Material ist dabei für spezielle Förderstunden, aber auch zur Differenzierung im regulären Unterricht geeignet. Empfohlen wird ein Einsatz in Förderstunden ergänzend zum Mathematikunterricht.
"Mathe macht stark" ist ein Kooperationsprojekt des IPN und des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH). Der Beitrag des IPN umfasste dabei die Bereitstellung der wissenschaftlichen Grundlagen für die Entwicklung des Konzepts, des Materials sowie der Evaluation. Das IQSH übernahm die Leitung des Projekts und war für die praktische Erstellung der Materialien, die Dissemination des Konzepts in die knapp 160 Schulen sowie für die praktische Durchführung der Evaluation verantwortlich.
Grundlage des Konzepts von "Mathe macht stark" sind Erkenntnisse aus mehreren Feldern der Mathematikdidaktik und der Lehr-Lern-Forschung. Diese umfassen u. a.
|
| Abb. 1: Schülermaterialien "Mathe macht stark". |
Das Materialpaket von "Mathe macht stark" umfasst individuelle Schülerordner für die Lernenden (Abb. 1) sowie einen Lehrerordner mit zusätzlichen didaktischen Kommentaren, Lösungsbögen und diagnostischen Tests für die Lehrkräfte. Die sieben Themen (Brüche, ganze Zahlen, Flächen & Körper, Messen, Zuordnungen, Daten & Zufall, Prozente) untergliedern sich jeweils in 6-13 Abschnitte. Jeder Abschnitt besteht aus drei Seiten mit den drei Niveaustufen Einstieg, Aufstieg und Gipfel. Bei jedem Thema werden auf Basis eines diagnostischen Tests gezielt einzelne Abschnitte des Lernmaterials individuell zugeordnet. Zum Arbeiten auf der Handlungsebene wird zudem eine Materialkiste mit z. B. Geobrettern, Steckwürfeln und Winkelscheiben bereitgestellt. Weiterhin sind mit dem "Rechentraining" und dem "Rechnen im Alltag" noch zusätzliche Aufgabenpakete im Schülerordner enthalten.
Das Projekt wurde in den Schuljahren 2009/10 und 2010/11 evaluiert. Insgesamt liegen Leistungsdaten verschiedener Schulen aus ganz Schleswig-Holstein vor, in denen jeweils alle 7. Klassen einbezogen wurden (1. Kohorte: ca. N=900, 2. Kohorte ca. N=600). Der zu Schuljahresbeginn und -ende eingesetzte Mathematiktest orientierte sich an den Bildungsstandards Mathematik. Über Fragebögen und Unterrichtsbesuche an zehn Schulen wurde am Ende des Schuljahres zusätzlich die Akzeptanz des Materials bei Lehrkräften und bei Schülerinnen und Schülern erfasst. Die Akzeptanzstudie basiert auf Fragebogenangaben von 190 Schülerinnen und Schülern sowie 21 Lehrkräften dieser Schulen.
|
| Abb. 2: Kompetenzzuwachs im Laufe des 7. Schuljahrs: Vergleich von Mathe macht stark- Lernenden mit den übrigen Schülerinnen und Schülern der Klassen. |
Ein Vergleich der Testergebnisse zwischen Lernenden, die mindestens eine "Mathe macht stark"-Förderstunde pro Woche erhalten haben, und den übrigen Mitschülerinnen und Mitschülern der Klassen, die nur am regulären Unterricht teilnahmen, zeigt zunächst, dass in beiden Kohorten zu Beginn der 7. Jahrgangsstufe tatsächlich die leistungsschwächeren Lernenden für die Förderung ausgewählt wurden (Abb. 2). Darüber hinaus unterscheidet sich der Kompetenzzuwachs über das 7. Schuljahr zwischen den Gruppen jeweils signifikant. Kovarianzanalysen weisen unter Kontrolle der jeweiligen Vortestleistungen und des Geschlechts auf kleine positive Effekte hin (F(1,927)=15.96, p<.05, η²=.017 bzw. F(1,603)=6.54, p<.05, η²=.011). Die Ergebnisse können dahingehend interpretiert werden, dass es das "Mathe macht stark"-Programm den Lernenden ermöglicht hat, wieder Anschluss an den regulären Unterricht zu finden. Der üblicherweise auftretende "Matthäus-Effekt" ("Wer hat, dem wird gegeben"), der eine Vergrößerung der Leistungsschere erwarten lässt, konnte durch den "Mathe macht stark"-Unterricht mehr als ausgeglichen werden. Die ergänzenden Fragebogenergebnisse zeigen bei Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern eine hohe Akzeptanz des Konzepts. Insbesondere die Materialien werden sehr positiv bewertet und der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben wird von Lehrkräften und den Lernenden als angemessen eingeschätzt.
Informationen zum Thema
Prof. Dr. Aiso Heinze
Dr. Thomas Riecke-Baulecke
| thomas.riecke-baulecke | @iqsh. | de |